Veröffentlicht am
07
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02
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2026

Wie UX die Effizienz von SaaS prägt

Weißt du, was die meisten UX-Expertinnen und Experten übersehen? Den Energieverbrauch ihres eigenen Designs. Wir optimieren für Geschwindigkeit, für Konversion, für Usability, aber selten für Nachhaltigkeit. Dabei hat jede Entscheidung, die wir im Interface treffen, eine direkte Auswirkung auf den CO₂-Fußabdruck einer Software. Es ist an der Zeit, dass wir unsere Verantwortung erkennen, denn gutes Design ist nicht nur nutzerfreundlich, sondern auch ressourcenschonend.
 Porträt von Nadia Wiegand mit Headset, freundlicher Gesichtsausdruck, neutraler Hintergrund
Nadia Wiegand
User Experience & Interface Designerin

Weißt du, was die meisten UX Expertinnen und Experten übersehen? Den Energieverbrauch ihres eigenen Designs. Wir optimieren für Geschwindigkeit, für Konversion, für Usability, aber selten für Nachhaltigkeit. Dabei hat jede Entscheidung, die wir im Interface treffen, eine direkte Auswirkung auf den CO₂ Fußabdruck einer Software. Es ist an der Zeit, dass wir unsere Verantwortung erkennen, denn gutes Design ist nicht nur nutzerfreundlich, sondern auch ressourcenschonend.

Wir leben in einer Welt, in der die Leistung von Hardware fast grenzenlos scheint. Prozessoren werden schneller, Speicher wird billiger, und Anwendungen wachsen mit einem Klick. Diese Entwicklung hat uns zu einer gewissen Nachlässigkeit verleitet. Wir entwerfen aufwändige Animationen, laden hochauflösende Bilder und implementieren komplexe Skripte, ohne uns zu fragen, was das auf der anderen Seite des Bildschirms bedeutet. Jedes Byte, das übertragen wird, jeder Rechenzyklus, der auf einem Gerät stattfindet, verbraucht Energie. Und zwar nicht nur auf dem Server, sondern auch auf dem Laptop, dem Tablet oder dem Smartphone des Nutzers.

Für UX Expertinnen und Experten bedeutet das eine neue Dimension der Verantwortung. Unsere Arbeit endet nicht bei der nahtlosen Nutzerführung. Sie schließt auch die Effizienz dieser Reise mit ein. Es geht nicht darum, auf Ästhetik oder Funktionalität zu verzichten. Es geht darum, klügere, bewusstere Entscheidungen zu treffen, die sowohl dem Nutzer als auch dem Planeten dienen. Wir sind die Architektinnen und Architekten digitaler Räume, und es liegt an uns, diese Räume so ressourcenschonend wie möglich zu gestalten.

Die Physik hinter dem Pixel: Warum Designentscheidungen Energie kosten

Jede Interaktion in einer Software ist ein physikalischer Prozess. Ein Klick löst eine Kette von Ereignissen aus. Daten werden von einem Server angefordert, über Netzwerke transportiert, vom Endgerät verarbeitet und schließlich auf dem Bildschirm dargestellt. Jeder dieser Schritte verbraucht Strom. Als UX Verantwortliche und Designer haben wir auf fast jeden dieser Schritte Einfluss.

Denken wir an die Datenmenge, die eine Anwendung überträgt. Große Bilddateien oder unkomprimierte Videos blähen die Ladezeit auf und belasten die Netzwerke. Für Nutzer mit langsamer Internetverbindung bedeutet das Frustration. Für den Energieverbrauch bedeutet es eine direkte Steigerung. Je mehr Daten fließen, desto mehr Arbeit müssen die Rechenzentren und die Infrastruktur dazwischen leisten.

Ein gutes Beispiel ist Asana. Früher waren die Ladezeiten bei großen Projekten spürbar. Das Team hat gezielt die Nutzererfahrung optimiert, indem es den initialen Datentransfer reduzierte und Komponenten nur bei Bedarf nachlud. Das Ergebnis war nicht nur eine schnellere, angenehmere Nutzererfahrung, sondern auch eine Reduzierung der übertragenen Daten und somit des Energieverbrauchs pro Session.

Aber es geht nicht nur um die Datenübertragung. Auch die Rechenleistung auf dem Endgerät ist ein entscheidender Faktor. Komplexe Animationen, die permanent die GPU beanspruchen, oder ineffiziente Skripte, die den Prozessor auslasten, zwingen das Gerät zu Mehrarbeit. Das führt nicht nur zu einem warmen Laptop und einem schnell leeren Akku, sondern erhöht auch den Stromverbrauch signifikant. Wir gestalten Erlebnisse, aber diese Erlebnisse laufen auf echter Hardware.

Eine Studie der University of Bristol hat gezeigt, dass allein die Art und Weise, wie eine Webseite programmiert ist, den Energieverbrauch um bis zu 60 Prozent beeinflussen kann. Ineffizienter Code und unnötige Hintergrundprozesse sind stille Energiefresser. Für uns in der UX bedeutet das, eng mit der Entwicklung zusammenzuarbeiten. Wir müssen verstehen, welche technischen Konsequenzen unsere Designentscheidungen haben. Ein aufwändiger Prototyp mag beeindruckend aussehen. Wenn er aber auf einem durchschnittlichen Laptop zu Rucklern führt und den Lüfter aufheulen lässt, haben wir ein Usability- und ein Energieproblem geschaffen.

Lean UX als Prinzip der Nachhaltigkeit: Weniger ist mehr

Das Konzept der Lean UX konzentriert sich darauf, mit minimalem Aufwand maximalen Wert zu schaffen. Normalerweise denken wir dabei an schnellere Entwicklungszyklen und weniger verschwendete Ressourcen im Team. Doch dieser Ansatz lässt sich perfekt auf das Thema Energieeffizienz übertragen. Jedes Element, das wir weglassen können, ohne den Nutzerwert zu mindern, ist ein Gewinn für die Performance und die Nachhaltigkeit.

Fragen wir uns bei jedem Feature, bei jeder Animation, bei jedem grafischen Element: Ist das wirklich notwendig? Trägt es maßgeblich zum Verständnis oder zur Freude an der Nutzung bei? Oder ist es nur Dekoration? Ein minimalistisches Design ist nicht nur ein ästhetischer Trend, es ist ein Statement für Effizienz. Klare, einfache Interfaces mit einer reduzierten Farbpalette und systemeigenen Schriften laden schneller und benötigen weniger Rechenleistung zur Darstellung.

Nehmen wir das Kollaborationstool Miro. Die Kernfunktion ist ein unendliches Whiteboard. Das Team hätte es mit unzähligen visuellen Effekten überladen können. Stattdessen konzentriert sich das Design auf das Wesentliche. Die Interaktionen sind flüssig und direkt, die grafischen Elemente sind funktional. Diese Reduktion macht das Tool nicht nur extrem performant, selbst bei hunderten von Objekten auf einem Board – sie sorgt auch dafür, dass der Ressourcenverbrauch auf dem Endgerät beherrschbar bleibt. Der Fokus liegt auf der Funktion, nicht auf dem Spektakel.

Ein weiterer wichtiger Hebel ist der bewusste Einsatz von Farben. OLED-Displays, die heute in vielen Smartphones und Laptops verbaut sind, verbrauchen bei der Darstellung von Schwarz fast keine Energie, da die Pixel einfach ausgeschaltet bleiben. Ein Dark Mode ist also nicht nur ein ästhetisches Gimmick oder eine Hilfe für die Augen bei Nacht. Er kann den Energieverbrauch des Displays um bis zu 60 Prozent senken. Als UX Verantwortliche und Designer haben wir die Möglichkeit, einen durchdachten Dark Mode als Standard oder als einfach zugängliche Option anzubieten. Es ist eine der einfachsten und effektivsten Maßnahmen für mehr Energieeffizienz, die direkt in unserem Gestaltungsbereich liegt.

Die Rolle von Content und Architektur für eine grüne UX

Effizienz beginnt nicht erst beim visuellen Design, sondern schon bei der Informationsarchitektur und dem Gesamtkonzept. Eine klare, logische Struktur hilft Nutzerinnen und Nutzern, ihr Ziel schneller zu erreichen. Jeder Klick, der vermieden wird, jede Suche, die überflüssig wird, spart Zeit und Energie.

Wenn jemand lange nach einer Funktion suchen muss, klickt er sich durch Menüs, lädt mehrere Seiten und verursacht damit unnötigen Datenverkehr und Rechenaufwand. Eine intuitive Navigation und eine intelligente Suchfunktion sind daher nicht nur ein Gebot der Usability, sondern auch der Nachhaltigkeit.

Denken wir an die Hilfefunktion in Slack. Anstatt den Nutzer auf eine externe Webseite mit einer unübersichtlichen Struktur zu schicken, ist die Hilfe direkt in die Anwendung integriert. Ein schneller Befehl oder ein Klick öffnet ein Fenster, in dem der Nutzer seine Frage stellen kann. Die Antworten werden kontextbezogen und prägnant geliefert. Dieser Ansatz verkürzt die Problemlösung von Minuten auf Sekunden. Der Nutzer bleibt in seinem Flow, und die Anzahl der Seitenaufrufe und der damit verbundene Energieverbrauch werden drastisch reduziert.

Auch die Art und Weise, wie wir Inhalte aufbereiten, spielt eine große Rolle. Müssen Bilder immer in der höchstmöglichen Auflösung geladen werden, oder reicht eine für den Bildschirm optimierte Version? Moderne Bildformate wie WebP bieten eine deutlich bessere Kompression als klassische Formate wie JPEG oder PNG – und das bei vergleichbarer Qualität. Die Implementierung solcher Formate ist eine technische Entscheidung, aber der Impuls sollte aus der UX kommen, denn wir sind für das Gesamterlebnis verantwortlich. Und zu diesem Erlebnis gehört auch eine schnelle Ladezeit.

Fazit: Design mit Konsequenz

Als UX Expertinnen und Experten gestalten wir die Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. Lange haben wir uns darauf konzentriert, diese Schnittstelle so menschlich und intuitiv wie möglich zu machen. Jetzt müssen wir einen Schritt weitergehen und sie auch so ressourcenschonend wie möglich gestalten. Energieeffizienz ist kein Nischenthema für Entwickler oder Systemadministratoren mehr. Sie ist eine zentrale Säule einer modernen, verantwortungsbewussten User Experience.

Es geht nicht darum, auf Kreativität zu verzichten. Es geht darum, sie gezielt einzusetzen. Ein kluges Design, das auf das Wesentliche reduziert ist, das performant läuft und den Nutzer schnell zum Ziel führt, ist nicht nur nachhaltiger – es ist in der Regel auch das bessere Design.

Unsere Aufgabe ist es, Bewusstsein zu schaffen, sowohl in unseren Teams als auch bei unseren Auftraggebern. Wir müssen die richtigen Fragen stellen. Wie hoch ist der CO₂ Fußabdruck unserer Anwendung? Wie können wir den Energieverbrauch reduzieren? Welchen Einfluss hat unsere Designentscheidung auf den Akkuverbrauch des Nutzers?

Indem wir Performance und Effizienz zu einem festen Bestandteil unseres Designprozesses machen, gestalten wir nicht nur bessere Produkte, wir übernehmen auch Verantwortung für die digitalen Spuren, die wir hinterlassen. Und das ist vielleicht die größte und wichtigste Aufgabe für die UX überhaupt.

Zusammenfassung

Dieser Artikel beleuchtet die oft unterschätzte Verantwortung von UX-Design für den Energieverbrauch und CO₂-Fußabdruck von SaaS-Anwendungen. Er zeigt auf, dass Designentscheidungen wie komplexe Animationen, ineffiziente Datenübertragungen oder dunkle Farbschemata direkte physikalische Auswirkungen auf Serverlast und Endgeräte haben. Durch konkrete Maßnahmen wie Lean UX, optimierte Informationsarchitektur und bewusste Reduktion wird deutlich, dass nachhaltiges Design nicht Verzicht bedeutet, sondern zu performanteren und nutzerfreundlicheren Produkten führt. Die zentrale Erkenntnis ist, dass Energieeffizienz eine neue Dimension der User Experience darstellt, die ökologische Verantwortung mit technischer Exzellenz verbindet.

 Porträt von Nadia Wiegand mit Headset, freundlicher Gesichtsausdruck, neutraler Hintergrund
Nadia Wiegand
User Experience & Interface Designerin
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